Kontakt

ONLINE ANFRAGEN

+49 (0)30 31 01 44-40

info@pegasus-agency.de

Schwanengesang

Profil

Autoren Luigi Lunari
Aufführungsgeschichte

UA: Teatro delle Laudi, Florenz, 9. November 2008

Regie: Lino Spadaro, in Zusammenarbeit mit Stefano Tamburini und Caterina Cappelli

 

Letzte Aufführung: Compagnia La Ringhiera, Teatro San Giuseppe, Vicenza, 22. Febraur 2009, Regie von Riccardo Perraro, Interpreten Riccardo Perraro und Natalie Caoduro.

Übersetzungen Französisch und Deutsch
Veröffentlicht Veröffentlicht in „Sipario“ 707/708 Juni-Juli 2008
Aktualisierte Überarbeitung von Anton Tschechow

Synopse

Was glaubt Ihr, weshalb Luigi Lunari, der seit über vierzig Jahren als Dramatiker tätig ist und  auf breiter Front mit außerordentlichen Ergebnissen in der Welt des Theaters arbeitet (man denke nur an die langjährige Kollaboration mit Strehler), jetzt einen Einakter verfasst, der die gleiche Bühnenausstattung und den gleichen Titel hat, wie der weltberühmte Einakter von Anton Tschechow? Handelt es sich hier um eine Hommage, eine Herausforderung, eine Provokation? Zumindest ist es kein Zufall. Man wage also eine Vermutung: Wohlmöglich will uns Lunari damit sagen, dass, wenn Tschechow in der jetzigen Zeit leben würde, der „Schwanengesang“ wahrscheinlich genau so ausfallen würde.

1888 ging der Vorhang des Kors in Moskau auf, das Bühnenbild zeigte eine Garderobe, in der ein alter Schauspieler aus dem Schlaf aufschreckt. Alle sind schon gegangen, niemand hatte an ihn gedacht, er war betrunken eingeschlafen. Nachdem er sich erholt hat und einen Souffleur getroffen hat, fängt der alte Schauspieler in der anonymen Garderobe an, seine Karriere zurückzuverfolgen, Stolz und Bedauern mischend, und über seinen Beruf nachzudenken, über die  mysteriöse Essenz zwischen Fiktion und Wirklichkeit.

In Lunaris Text ist die Situation vergleichbar, aber mit einigen vielsagenden Unterschieden. Der Hauptdarsteller wacht, zum Beispiel, aus einem Alptraum auf, in dem er einen Preis erhält, und zwar nicht für eine seiner zahlreichen Interpretationen der Klassiker, sondern für einen ordinären TV-Spot. Er kann nicht mit der Außenwelt kommunizieren, da sein Mobiltelefon keinen Empfang hat. Und anstelle des Souffleurs erscheinen hier drei weibliche Figuren als Konterpart zu seinen Dialogen: die Schneiderin der Kompanie, seine Tochter und eine Prostituierte. Allein und in ihrer Begleitung zieht der Schauspieler, fast ohne es zu merken, die Schlüsse seiner künstlerischen Existenz, in einer eingestellten Zeit die zugleich symbolisch und laufend von tagtäglichen Ereignissen unterbrochen wird, von einer Banalität also, die sich zwangsläufig auch auf den wiederspiegelt, der sein ganzes Leben damit verbracht hat, die erhabenen Verse von Sophokles, Shakespeare, Kleist oder Pirandello vorzutragen.

Das ist der Punkt: meine Damen und Herren, es sind die Zweitausender, die hastigen Jahre des Kinos und der DVDs, der Elektronik und des Fernsehens mit kurzem Gedächtnis. Und trotzdem, auch in dieser ruhmlosen Epoche, und in den darauf folgenden, man könnte darauf wetten, wird sich die Magie des Theaters immer wieder aufs Neue manifestieren.

So wie es auch das Leben in dieser Welt tun wird. Das Leben dieses Schauspielers dagegen ist dazu bestimmt, in dieser Nacht zu enden, wenn die letzte Besucherin, die Hure, ihre wahre Identität offenbart: es ist der Tod, der gekommen ist, um ihn mit einem Kuss und einem Streicheln mit sich zu nehmen, anstatt in der Figur eines Arztes oder einer Krankenschwester (das allein ist schon ein Vermögen wert).

Nachdem er den Tod akzeptiert hat, und nach einer unvermeidbaren anfänglichen Rebellion, gibt der Schauspieler sich selbst – und dem Publikum – eine einzige Gewissheit: Das Theater wird nicht  verschwinden, gerade weil es ein von Menschen für Menschen geschaffenes Wunder ist. Und ihm zu dienen ist und bleibt ein seltenes Geschenk.

 

Antonio Stefani, aus „Il Giornale di Vicenza“, 24. Februar 2009)