Das Geheimnis der Mutter
Profil
Synopse
Im Zentrum des Romans steht Selma Moufid, eine erfolgreiche Ärztin, die seit vielen Jahren in Südfrankreich lebt. Ein einzelnes Ereignis in ihrem beruflichen Alltag wird zum Auslöser einer existenziellen Erschütterung: Der plötzliche Tod einer Patientin reißt eine Erinnerung auf, die Selma über Jahrzehnte verdrängt hat.
In einer Nacht voller Visionen und innerer Unruhe kehrt ein Bild aus Selmas frühester Kindheit zurück. In der algerischen Wüste, während eines Sandsturms, war sie Zeugin eines Geschehens, das in ihrer Familie verschwiegen wurde: der gewaltsame Tod eines Neugeborenen. Das Kind war das Baby ihrer Tante Zahia. Die Tat wurde vertuscht, als Fehlgeburt ausgegeben und aus dem kollektiven Gedächtnis gelöscht. Auch Selmas eigenes Erinnern wurde ausgelöscht – bis zu diesem Moment.
Der Roman folgt Selmas verzweifeltem Versuch, diese Erinnerung zu prüfen, zu widerlegen oder zu bestätigen. Zwischen medizinischer Rationalität, Selbstzweifel und emotionaler Überforderung tastet sie sich an das verdrängte Wissen heran. Die Rückkehr der Erinnerung verändert ihre Sicht auf die Mutter radikal. Die Mutter erscheint nicht länger nur als Opfer patriarchaler Gewalt, sondern auch als mögliche Täterin, verstrickt in familiäre, soziale und religiöse Zwänge.
Parallel entfaltet der Text Selmas Lebensgeschichte: ihre Kindheit in der Wüste, das frühe Weglaufen, die Flucht in Bildung und Bücher, die Liebe zu Farouk, dessen früher Tod, und die lebenslange Bindung an Goumi, ihren engsten Freund. Schreiben, Lesen und Lernen werden als Rettungsstrategien sichtbar, die es Selma ermöglichten, der Enge, der Gewalt und dem Schweigen zu entkommen.
Getrieben von dem wiederkehrenden Bild des getöteten Kindes entscheidet Selma, nach Algerien zurückzukehren. Sie will die Orte ihrer Kindheit erneut aufsuchen und sich der Mutter stellen. Nicht um zu richten, sondern um das Schweigen zu brechen und das eigene Leben neu zu ordnen.
Der Roman endet offen. Die Wahrheit wird nicht vollständig ausgesprochen, aber sie ist nicht länger zu verdrängen. Das „Geheimnis der Mutter“ bleibt ein schmerzhafter Kern, der Selmas Verhältnis zu Herkunft, Erinnerung und Identität unwiderruflich verändert.
