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Der Mann aus den Bergen

Profil

Autorin Abdelhak Serhane
Damen variabel
Herren variabel
Übersetzerin Ruth Wenzel
Bereich Sprechtheater
Genre Schauspiel

Synopse

Der Roman wird von einem Ich-Erzähler getragen, der nach Jahren der Abwesenheit in seine Geburtsstadt im Mittleren Atlas zurückkehrt. Die Rückkehr löst keinen Heimkehr-Moment aus, sondern konfrontiert ihn mit einer Stadt im Zustand des moralischen, sozialen und politischen Verfalls. Öffentliche Räume, Straßen, Flüsse und Gebäude erscheinen verwahrlost, verschmutzt und entstellt. Die Stadt ist nicht Kulisse, sondern aktiver Träger einer kollektiven Niederlage.

Ausgehend von dieser Gegenwart entfaltet der Text eine dichte Erinnerungsbewegung, die immer wieder in die Kindheit des Erzählers zurückführt. Im Zentrum steht eine gewaltgeprägte Familienstruktur: ein autoritärer, sexuell dominanter Vater, eine emotional wie körperlich erschöpfte Mutter, ein älterer Bruder, der seine Macht durch Demütigung und Angst ausübt. Kindheit erscheint als permanenter Kampf um Rang, Überleben und Selbstbehauptung.

Ein zentrales Motiv ist die Konfrontation zweier Bildungssysteme. Der Erzähler wächst zwischen der Koranschule (msid) mit körperlicher Züchtigung, religiösem Drill und sadistischer Gewalt einerseits und der französischen Schule andererseits auf, die Lesen, Schreiben, Denken und eine andere Vorstellung von Welt eröffnet. Diese neue Schule wird von den Kindern als Befreiung erlebt, zugleich aber von Familie, Religion und Tradition als Bedrohung bekämpft.

Der Erzähler schildert detailliert die körperliche und psychische Gewalt des Koranschullehrers, die Komplizenschaft der Eltern und die Legitimation dieser Gewalt durch Religion und gesellschaftliche Normen. Bildung wird zum Überlebensversprechen, aber auch zum Auslöser innerer Spaltung. Der Wunsch nach Freiheit kollidiert mit Loyalität, Angst und Schuld.

Parallel dazu reflektiert der erwachsene Erzähler seine Rolle als Schriftsteller. Die Veröffentlichung früherer Texte über Herkunft und Gesellschaft hat Ablehnung, Schweigen, aber auch heimliche Zustimmung ausgelöst. Schreiben erscheint als Akt des Widerstands, zugleich als Quelle von Isolation. Die Rückkehr in die Heimatstadt wird so auch zur Abrechnung mit kollektiver Verdrängung, politischer Korruption, staatlicher Repression und gesellschaftlicher Feigheit.

Im weiteren Verlauf weitet sich der Blick über die private Geschichte hinaus. Der Erzähler kommentiert offen Machtmissbrauch, Korruption, Zensur, politische Gewalt und die Rolle von Angst und Opportunismus. Ereignisse in den Nachbarländern, insbesondere der algerische Bürgerkrieg, werden als Warnsignal gelesen. Stabilität erscheint als Fassade, hinter der Gewalt und Unterdrückung fortwirken.

Der Roman endet ohne Versöhnung. Die Rückkehr bringt keine Heimkehr, sondern bestätigt die Unmöglichkeit von Zugehörigkeit. Erinnerung, Schreiben und Sprache bleiben die einzigen Mittel, um der Gewalt eine Form entgegenzusetzen, ohne sie aufzulösen. Der „Mann aus den Bergen“ ist damit nicht nur der Erzähler selbst, sondern eine Figur des Dazwischen: zwischen Herkunft und Exil, Gehorsam und Auflehnung, Erinnerung und Gegenwart.