Die Zerfaserung
Profil
Synopse
Im Zentrum des Romans steht Tahar El Ghomri, ein etwa fünfzigjähriger Mann, ehemaliger Bauer und Koranschullehrer, der ohne Ausweispapiere in einer algerischen Hafenstadt lebt. Er bewohnt eine selbstgebaute, aus Blech, Draht und Restmaterialien zusammengesetzte Hütte auf einem Hügel über der Stadt. Sein Leben ist geprägt von Armut, körperlicher Schwäche, Krankheit, sexueller Obsession, Erinnerungsfragmenten und einem permanenten Zustand der inneren Unruhe.
Tahar streift tagsüber durch Stadt und Hafen, beobachtet Tauben, Arbeiter, Container, Militärfahrzeuge, Behörden und Menschenmengen. Der Hafen erscheint als obsessiver Raum aus Eisen, Kabeln, Waren und Gewalt, der ihn zugleich anzieht und bedroht. Immer wieder kehrt er zu einem alten, braunen Foto zurück, dem einzigen Gegenstand, den er bei sich trägt. Das Foto zeigt Männer aus seiner Vergangenheit, vermutlich Kampfgefährten aus dem antikolonialen Krieg. Es ist zugleich Beweis, Last und Erinnerungskern, den er weder wegwerfen noch zerstören kann.
In halluzinatorischen Rückblenden erinnert Tahar sich an seine Zeit als Kämpfer, an den Bau von Waffen, an getötete Kameraden, an den deutschen Experten, an Bouali Taleb und an den Arzt Dr. Cogniot, der ihn von der Tuberkulose heilte. Diese Erinnerungen erscheinen bruchstückhaft, ohne chronologische Ordnung, überlagert von Angst, Schuld und körperlichem Verfall.
Parallel entfaltet sich die Perspektive von Selma, einer jungen Frau, die in der Stadt lebt und arbeitet. Sie nimmt Tahars Behausung zunächst nur als rätselhaftes Objekt wahr. Allmählich entwickelt sie eine obsessive Neugier auf den Mann, ohne dass es zunächst zu einer Begegnung kommt. Selma bewegt sich durch eine von sexueller Bedrohung, gesellschaftlicher Kontrolle und innerer Zerrissenheit geprägte Alltagswelt. Ihre Wahrnehmung ist ebenso fragmentiert wie die Tahars.
Schließlich betritt Selma Tahars Hütte, während er schläft. Sie beobachtet seinen Körper, die wenigen Gegenstände, die gelbe Rose auf dem Nachttisch, die eingeritzten Worte. Es kommt zu keiner direkten Kommunikation, keiner Liebeshandlung, keiner Auflösung. Selma schläft ein, verlässt den Ort wieder und bleibt innerlich verändert.
Der Roman endet offen. Tahar setzt sein zielloses Umhergehen fort, gefangen zwischen Erinnerung und Gegenwart, zwischen Körper, Sprache und Schweigen. Die Stadt, der Hafen, das Foto und die Behausung bleiben bestehen als Zeichen eines Lebens, das nicht mehr zusammengefügt werden kann. Die „Zerfaserung“ beschreibt den Zustand eines Menschen, dessen Identität, Geschichte und Körper dauerhaft auseinanderfallen.
