Friedenspreis Serhij Zhadan
Glückwunsch von ganzem Herzen

Serhij Zhadan erhält den Friedenspreis des Deutschen Buchhandels 2022
Der ukrainische Autor ist mit DEPECHE MODE (Bühnenfassung: Markus Bartl) im Neue Pegasus Theaterverlag vertreten


DEPECHE MODE von Markus Bartl nach Serhij Zhadan, 2010 am Landestheater Niederbayern uraufgeführt, erlebte 2015 die ukrainische Erstaufführung: In enger Zusammenarbeit zwischen Serhij Zhadan und Markus Bartl entstanden, tourte diese Produktion durch die Ukraine – zu einer Zeit, als der Kreml u.a. mit der Annexion der Krim bereits die eigene „Marschroute“ zu Lasten einer demokratischen, souveränen und friedvollen Ukraine markiert hatte. Von eben diesem Leben legte die Produktion Zeugnis ab. Das Schauspiel am Theater Dortmund legt seit dem 7. Mai 2022 mit seiner Neuproduktion von DEPECHE MODE Zeugnis davon ab, wie sich nachhaltige Zeitgenoss*innenschaft im Geiste von Demokratie und Solidarität anfühlt. Das Bild oben zeigt das eindringliche Plakatmotiv des Theaters Dortmund (Grafik: Zijah Jusufović). Im Programmheft der Dortmunder Produktion beschreiben Helga Borisenko und Natalia Polonskaja, wie sie die Produktion 2016 in einem kleinen Ort bei Charkiw gesehen haben und nun, 2022, zur Zeit des Angriffskrieges Russlands gegen die Ukraine, zu Mitwirkenden in Dortmund wurden: „All das ist ein unglaubliches Zusammenspiel der Umstände. Wir wissen nicht, was auf unser Land und auf uns in Zukunft wartet, aber gerade jetzt sind wir dankbar, uns wieder unserer geschätzten Theaterwelt anzuschließen und unseren Beitrag zur Vorbereitung der Aufführung DEPECHE MODE hier in Dortmund zu leisten.“

Wir gratulieren Serhij Zhadan von ganzem Herzen.

Die Dortmunder Produktion im Spiegel der Kritik:
Christoph Ohrem im Deutschlandfunk („Kultur heute“, 8.5.2022): „Der Charme von DEPECHE MODE liegt in solchen Dialogen, die schnell und in rauhem Sound gerne auch mal das Absurde streifen …“

Hier geht es zum Stück von Markus Bartl/Serhij Zhadan
Postsowjetisches Chaos + Bühnenenergie = Magische Theatermomente – hier geht es zur „Nachtkritik“ der Produktion!

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Wir trauern um Christiane Richers, die am 4. Juni 2022 in Hamburg verstorben ist. Mit „Das ist Esther“(Link zum Werk im Katalog) entwickelte sie 2007 für das Thalia Theater ihre erste Auftragsarbeit als Theaterautorin. Mit großer Sensibilität führt dieses Werk junge Menschen von heute an die Erfahrungen von Exil und Shoah heran. Als Gründerin des Theater am Strom in Hamburg hat Christiane Richers es immer wieder vermocht, Menschen jeglicher Generation und Herkunft für ein Theater zu begeistern, das sich verantwortungsvoll marginalisierten Biographien in Geschichte und Gegenwart annimmt. Unser Beileid gilt den Angehörigen, Freund*innen und Weggefährt*innen von Christiane Richers. Die Erinnerung an ihre Weggefährtin gebe ihnen Trost und Kraft. Mit „Das ist Esther“ sind wir ihrem Andenken und dem unaufhörlichen Kampf gegen Antisemitismus und Rassismus verpflichtet.
Das Junge Theater am Stadttheater Ingolstadt hat „Das ist Esther“ in der kommenden Spielzeit 2022/23 im Programm: Link zum Werk in der Spielplanübersicht.

Zur Biographie von Christiane Richers und ihrer Arbeit mit dem Theater am Strom: Link zur Biographie der Autorin
Link zum Werk der Autorin: „Das ist Esther“

 

 

 

Olga Martynova / Oleg Jurjew (1958-2018)
BAD SODEN VORHER UND NACHHER: 1914
frei zur UA

1D/1H

In Bad Soden überrascht der Erste Weltkrieg die russischen Kurgäste – darunter zwei sehr junge Menschen: Einen revolutionär gestimmten Juden aus einem Stetl und ein Mädchen aus „gutem Hause“. Ihre beginnende Liebe hätte keine Chance – doch der Krieg hebt einiges auf…
Das Stück verwendet authentische Zeitdokumente, die bezeugen, wie schnell Nationalismus, Hass und Chauvinismus wach werden und wie dünn die Schicht der Zivilisation ist.

Im Rahmen des Programms TRANSIT BEWEGT RHEIN-MAIN, von der Gemeinnützigen Kulturfonds Frankfurt RheinMain GmbH gefördert, stellten Olga Martynova und Oleg Jurjew das Werk 2016 in Bad Soden vor.

Olga Martynova wurde 1962 bei Krasnojarsk in Sibirien geboren. In Leningrad aufgewachsen studierte sie russische Sprache und Literatur. 1991 zog sie nach Deutschland. Sie schreibt sowohl in russischer als auch in deutscher Sprache und erweist sich sowohl als Herausgeberin, Übersetzerin und Autorin immer wieder als Expertin u. a. für inoffizielle literarische Öffentlichkeiten zur Zeit der Sowjetunion.
2010 erschien ihr Romandebüt „Sogar Papageien überleben uns“ (Droschl) und schaffte es auf Anhieb auf die Longlist des Deutschen Buchpreises. Auf den Adelbert-von-Chamisso-Förderpreis (2011) folgte 2012 der Gewinn des Ingeborg-Bachmann-Wettbewerbs mit einem Auszug aus ihrem Roman „Mörikes Schlüsselbein“ (Droschl). Ihr dritter Roman „Engelherd“ erschien 2016 bei S. Fischer, 2018 ihr Essayband „Über die Dummheit der Stunde“ ebendort.
2015 erhielt Olga Martynova den Berliner Literaturpreis und hatte die Heiner-Müller-Gastprofessur für deutschsprachige Poetik an der FU Berlin inne.

Oleg Jurjew wurde 1959 in Leningrad geboren und starb 2018 in Frankfurt am Main. Sein erster Lyrikband „Gedichte über den himmlischen Schatz“ erschien 1989. 1991 übersiedelte Oleg Jurjew mit seiner Familie nach Deutschland. Theaterstücke wie „Kleiner Pogrom am Bahnhofsbuffet“ wurden ins Deutsche übersetzt und auf die Bühnen gebracht. Schrieb Jurjew in russischer Sprache inspirierte seine Poetologie Autorinnen/Übersetzerinnen wie die Büchner-Preisträgerin Elke Erb. Im Laufe der Zeit begann Jurjew selbst russische Texte ins Deutsche zu übersetzen und auch eigene Texte in deutscher Sprache zu publizieren. Bei Suhrkamp erschienen ab 2002 Romane wie „Spaziergänge unter dem Hohlmond“, „Der neue Golem oder Der Krieg der Kinder und Greise“ oder „Die russische Fracht“. Zu den gemeinsam mit Olga Martynova verfassten Werken gehört auch „Zwanzig Facetten der russischen Natur“.

 

 

Olga Martynova/Daniel Jurjew
SEHR GEEHRTER VORHANG!
frei zur UA

 

Pjatigorsk, belagert von der deutschen Wehrmacht, August 1942 – Alexandra Nikolajewna Kornina und Wladimir Konradowitsch Kornin verkörpern immer noch, zusammen mit den Schauspielerinnen und Schauspielern ihres Ensembles, russische Theater-Tradition und -Avantgarde. Bei der Belagerung Leningrads durch die deutsche Wehrmacht sind, auch während der Vorstellungen, viele Menschen im Publikum und Schauspieler*innen an Hunger und deutschem Bombenhagel gestorben: „Lady Macbeth“ beispielsweise und der „Stumme Blumenträger“ sind tot. Und auch jetzt, in Pjatigorsk, geht es nicht nur darum, welcher Traum um welchen Preis fortdauern kann, sondern auch darum, wer von den Schauspieler*innen die deutsche Besatzung, den Holocaust, Rassismus und mörderische Diskriminierung überlebt.
Der Vorhang, der ihr Spiel Abend für Abend enthüllt, wird bald einhundert Jahre alt – und er verdient es, mit Gájews kleinem Schrank-Monolog aus Tschechows „Kirschgarten“ adressiert zu werden – zumal „Der Kirschgarten“ als Stück im Repertoire bedingt durch die Todesfälle im Ensemble und Geringschätzung seitens der Deutschen verloren zu gehen droht: „Sehr geehrter Vorhang!“ Dieser Vorhang enthüllt und versteckt. Er konserviert auch Träume: Niemals war der Traum von einer Revolution und einer Wendung zum Guten stärker als in der „Vorrevolutionsbohème“. Einen Traum, der in der politischen Wirklichkeit längst pervertiert wurde. Und dann gab es in den 1920er Jahren Erwin Piscator und – Berlin! 1927! Eine Stadt, in der Hamlet von Rita Goldenstern, einer Frau und Jüdin, verkörpert wurde und Schauspieler wie Goscha und Anton auf der Bühne und im Leben schwul sein durften.
Auf diesem Vorhang werden Hammer und Sichel jetzt durch ein Hakenkreuz ersetzt. Eine Flucht aus Pjatigorsk vor dem Einmarsch der Deutschen wird von den meisten als aussichtslos erachtet. In der Rolle der Ophelia ist nun Rita Gyldenstern zu erleben – ein y ersetzt das o in ihrem Namen. Man hofft, dass Ritas Name nun nicht ihre jüdische Herkunft verrät. Die Kornina wird ihrem Mann, Kornin, später sagen, sie habe dem Gestapochef gegenüber Ritas Herkunft aus einem dänischen Adelsgeschlecht glaubhaft gemacht. Der Preis freien Eintritts hat offenbar noch mehr erwirkt: Das Ensemble „darf“ nach Berlin reisen – und dort sogar in Anwesenheit von Adolf Hitler „Hamlet“ spielen. Wer sich für diesen Weg in die „Reichshauptstadt“ entschieden hat spielt nun „Hamlet“ in russischer Sprache – und bringt darin eine Geschichte unter, die, mangels Fremdsprachenkenntnis, der „Führer“ nicht versteht. Als Berlin zunehmend unter Beschuss durch die Alliierten gerät, „darf“ die „Theatertruppe“ in das besetzte Frankreich reisen. Goscha allerdings, der in seiner Traumstadt Berlin nicht aufhören wollte schwul zu sein, ist deportiert und ermordet worden.
In Paris schließlich sieht sich das Ensemble nach Ende des Zweiten Weltkrieges vor die Frage gestellt, ob sie in die Sowjetunion zurückkehren und der Zusicherung von Straffreiheit Glauben schenken will. Hammer und Sichel und Hakenkreuz ist jetzt der gallische Hahn gefolgt. Einige entscheiden sich für die Rückkehr im Zeichen von „Hammer und Sichel“ – und werden dort zu zehn Jahren „Besserungsarbeitslager“ verurteilt. Sie spielen „Hamlet“ auch in Anwesenheit von Josef Stalin. – Alexandra Nikolajewna Kornina glaubt, dass sie eine Art „Freiheit“ erwirken kann und schreibt Stalin einen Brief. Sie stirbt an den Folgen eines so genannten „Überfalls.“ Unerklärlich grausam sollen die Täter gewesen sein. Aber ihr Mann und jene Schauspieler, die weder verhungert, deportiert oder anderweitig ermordet worden sind, sind auch nach dem Tod von Josef Stalin 1953 noch am Leben und machen Lagertheater zu Lenins Geburtstag. Wladimir Konradowitsch Kornin werden „Freiheit“ und die Leitung eines Theaters in Aussicht gestellt. Rita und Wadim haben indes einen Blumenladen mit dem Namen „L‘Âme russe“ in Paris eröffnet.

 

Immer wieder legen die Schauspieler*innen des Stücks „Sehr geehrter Vorhang!“ ihre Rollen auch in der Gegenwart einer etwaigen (Ur-) Aufführung beiseite, ziehen Dokumente über die Belagerung von Leningrad, die Rhetorik von Josef Goebbels und die Dichtung von Jelena Schwarz (1948-2010 aus dem inneren Exil in der Sowjetunion/Russland heran. Sie geben sie ihren Bühnenfiguren mit auf den Weg- und wissen nicht, inwieweit am Ort/zum Zeitpunkt der Aufführung beispielsweise Homosexualität von Politik und „Mehrheitsgesellschaft“ toleriert wird.

Olga Martynova wurde 1962 bei Krasnojarsk in Sibirien geboren. In Leningrad aufgewachsen studierte sie russische Sprache und Literatur. 1991 zog sie nach Deutschland. Sie schreibt sowohl in russischer als auch in deutscher Sprache und erweist sich sowohl als Herausgeberin, Übersetzerin und Autorin immer wieder als Expertin u. a. für inoffizielle literarische Öffentlichkeiten zur Zeit der Sowjetunion.
2010 erschien ihr Romandebüt „Sogar Papageien überleben uns“ (Droschl) und schaffte es auf Anhieb auf die Longlist des Deutschen Buchpreises. Auf den Adelbert-von-Chamisso-Förderpreis (2011) folgte 2012 der Gewinn des Ingeborg-Bachmann-Wettbewerbs mit einem Auszug aus ihrem Roman „Mörikes Schlüsselbein“ (Droschl). Ihr dritter Roman „Engelherd“ erschien 2016 bei S. Fischer, 2018 ihr Essayband „Über die Dummheit der Stunde“ ebendort.
2015 erhielt Olga Martynova den Berliner Literaturpreis und hatte die Heiner-Müller-Gastprofessur für deutschsprachige Poetik an der FU Berlin inne.

Daniel Jurjew, geboren 1988 in Leningrad, kam 1991 nach Deutschland.  2013 gewann das Buch „Die Manon Lescaut von Turdej“ von Wsewolod Petrow in seiner Übersetzung den Hotlist-Preis. Bei Matthes & Seitz ist jüngst (2022) seine Übersetzung einer Auswahl der Gedichte von Jelena Schwarz erschienen („Buch auf der Fensterbank“).

 

Erinnern, Vergessen –MEMORIAL!
Ernst Neiswestny schuf 1996 in Magadan mit „Maske der Trauer“ ein Denkmal für die Opfer des Gulag-Stalinismus in Magadan (vgl. Bild oben/links; Wikipedia/Creative Commons: Johannes Rohr). Neiswestny war ein Künstler, dem John Berger im Januar 1962 in Moskau begegnet war und 1969 mit „Ernst Neizvestny and the Role of the Artist in the USSR“ eine Studie gewidmet hatte. 1987 schrieb John Berger gemeinsam mit Nella Bielski das Stück „Eine Frage der Geographie“ – ein Stück, das unter anderem Prozesse des Erinnerns und Vergessens inmitten einer Gulag-Situation in Szene setzt. In den Dialogen wird nicht zuletzt verhandelt, inwieweit diese Situation überhaupt anderen Menschen jemals wird mitgeteilt werden können. Innerhalb der Geschichte westeuropäischer Linksintellektueller markiert dieses Werk auch den Abschied von einer Utopie, die grausame Realität gewesen war: Sowjetunion. Das offizielle Ende der Sowjetunion jährt sich im Dezember  2021 zum 30. Mal: Rechtskräftig wurde es mit dem Vertrag von Minsk am 8. Dezember bzw. der Erklärung von Alma Ata am 21. Dezember 1991. Mit einer gerichtlichen, politisch vorbereiteten Entscheidung wurde am 28. Dezember MEMORIAL verboten, u.a. weil sie es versäumt habe, sich durchgehend als „ausländischen Agenten“ zu bezeichnen. MEMORIAL dürfte eine der weltweit wichtigsten Organisationen sein, die sich der Aufarbeitung des stalinistischen Terrors im Namen seiner Opfer annimmt – oder angenommen hat. Seit Jahren ist die russische Regierungspolitik darum bemüht, die Geschichte der Sowjetunion zu verklären.
Während MEMORIAL diffamiert und ausgelöscht wurde, sind in Hongkong die letzten Denkmäler für das Massaker auf dem „Platz des Himmlischen Friedens“ annulliert worden. In der Bundesrepublik ist es auf bundes-, landes- und kommunalpolitischer Ebene bislang eines der brandgefährlichen Steckenpferde der AfD, einer „180°-Wende“ in der Erinnerungspolitik das Wort zu reden und nicht zuletzt auch Theater unter Druck zu setzen, die Diversität von Ensembles und die kritische Geschichts-/Geschichtenschreibung in Spielplänen und Diskursforen zu beenden. Nachbar*innen der BRD wie Polen und Ungarn laufen seit Jahren Gefahr, liberale Demokratie durch nationalistischen Autoritarismus zu ersetzen.
Stücke wie„Eine Frage der Geographie“ von Nella Bielski und John Berger ersetzen nicht eine Organisation wie MEMORIAL. Aber sie können Anlass für kritische (Selbst-)Befragung sein, da sie auch Zeugnis von der Ambivalenz so genannter „westlicher“ Kulturen ablegen. Die Fähigkeit zu vielstimmer Kritik und Selbstkritik unterscheidet liberale Demokratien von „vaterländischen“ Modellen von Kultur, Gesellschaft und Politik.

 

John Berger und Nella Bielski: „Eine Frage der Geographie“

Zusammen mit Nella Bielski hat Berger 1987 das Theaterstück „Eine Frage der Geographie“ verfasst – in Erinnerung an Jewgenija Semjonowna Ginsburg (1904-1977), die viele Jahre in den Gefängnissen der Sowjetunion hatte überleben müssen. John Berger rang zeitlebens um Alternativen zum Kapitalismus und zum Kunstmarkt der „westlichen“ Welt. Gleichzeitig wandte er sich früher als andere europäische Intellektuelle vom real existierenden „Kommunismus“ sowjetischer und insbesondere stalinistischer Prägung ab. Bielski und Berger siedeln das Werk im Juni/Juli/August 1952, zehn Monate vor Stalins Tod, in Magadan/Kolyma an. Inmitten einer unvorstellbar weiträumigen, zum Lagersystem („Gulag“) umfunktionierten Landschaft, beschränkt sich der Handlungsort auf Daschas Zimmer. Als „Mitglied einer Familie von Volksfeinden“ war Daria Petrowna Petrowa (Dascha) von 1937 bis 1947 inhaftiert gewesen. Ihren Mann musste sie seit 1937 für ein Opfer der Massen-Exekutionen halten. Sie fristet ihr Leben nun als Verbannte, unter permanenter Todesdrohung, in Magadan. In den Schulferien besucht ihr Sohn Sascha sie. Viele Fristen und Zeitmessinstrumente überlagern sich: das Ende der Ferien, der prekäre Gesundheitszustand Daschas, der immer wieder durch Messung des Blutdrucks kontrolliert wird, die abendliche Rückkehr (23 Uhr) ins Lager/Gefängnis. Das Gerücht, dass Stalin bald sterben könnte, darf nicht deutlich ausgesprochen werden, timbriert jedoch ein Sprechen zwischen Panik, Wille zum Epos, endgültiger Depression und Anflug von Hoffnung. Menschen erstarren immer wieder zum Tableau – wie für eine Abschiedsfotografie.

 

 

 

 

 

 

 

 
 
 
 
 
 
 

 

Lebendige Erinnerung an Ingeborg Drewitz

Gerade weil ich durch eigene Lebenserfahrungen viel Wirklichkeit kennengelernt habe,  konnte ich aus dem, was ich bei Ingeborg Drewitz gelesen habe, viel Wirklichkeit dazulernen.
Erich Fried in seiner Gedenkrede am 11. Januar 1987 bei einer Gedenkfeier für Ingeborg Drewitz in der Akademie der Künste, Berlin.
Zitiert nach: Ingeborg Drewitz/Uwe Schweikert (Hrsg.): „Die ganze Welt umwenden“ – Ein engagiertes Leben. claassen/Düsseldorf 1987

Ingeborg Drewitz (1923-1986), eine großartige Autorin von engagierter Prosa, Romanen, Erzählungen und Theaterstücken wie „Gestern war heute“ und „Das Gartenfest – eine deutsche Idylle“ verstarb am 26. November 1986 in Berlin.  Wer sich mit ihrer Dramatik beschäftigen möchte, die auch das smarte „Vergessen“ der Nazi-Diktatur in Deutschland in Szene setzt und ein BRD-Wirtschaftwunder porträtiert, das sich „ideologiefrei“ rentable Kontinuitäten zwischen Nazi-Diktatur und Unrechtsregimen der 70er/80er Jahre baut, schreibe gern an: carsten.jenss@pegasus-medienverlag.de
(Zum Bild oben links: 1999 wurde die Ingeborg-Drewitz-Allee in Berlin-Moabit eingeweiht. Sie erstreckt sich heute zwischen dem Bundesministerium des Innern, [für Bau und Heimat] und dem Kanzlergarten. 2021: Baumaßnahmen Bundesministerium/Kanzlergarten.)

 

 

 

 

 

 

In würdigender Erinnerung an den Widerstandskämpfer Georg Elser, dessen Attentat auf Hitler im Bürgerbräukeller/München am 8. November 1939 an der ungewöhnlich frühzeitigen Abreise des „Führers“ scheiterte und in Würdigung des Elser-Denkzeichens von Ulrich Klages, das am 8. November 2021 einer, hoffentlich, demokratischen Öffentlichkeit überantwortet wurde. Am 27.2.1982, vor bald vierzig Jahren, wurde am Schauspielhaus Bochum Peter-Paul Zahls „Johann Georg Elser – Ein deutsches Drama“ u.a. mit Martin Schwab, Gert Voss, Eleonore Zetsche, Gustav-Peter Wöhler, Johann Adam Oest und Ortrud Beginnen uraufgeführt. Ein Werk, mit dem Zahl auch Einspruch gegen die Kontinuität ungebrochener Nazi-Erinnerung im öffentlichen Raum („Denkmal“) erhob:

Johann Georg Elser musste seinen Anschlag auf Adolf Hitler und andere Vertreter der Nazi-Diktatur am 8. November 1939 stillschweigend ins Werk setzen. Und Peter-Paul Zahl verzichtet darauf, Elser eine Art „Monument“ zu errichten. Vielmehr erhält Elser Kontur durch Stille und Präzision seiner Tätigkeiten im Widerstand – seinen analytischen Blick auf den Alltag der Diktatur und seine stummen, detailliert in Szene gesetzten Nachtarbeiten zur Installierung des Sprengsatzes. Diese Stille seines Handelns steht im Kontrast zur omnipräsenten Propaganda des Nazi-Regimes. Elser und seine stille Arbeit des Widerstands sind im „deutschen Drama“ durch die präzise dokumentierten Vorbereitungen des Zweiten Weltkrieges und des „Euthanasie“-Projektes – der massenhaften Ermordung als „lebensunwert“ deklarierter Menschen – kontextualisiert. Widerstand gegen Rassismus und Antisemitismus ist vor allem durch ein Gewahrwerden von Kontext und konkreter Handlung erinnerbar – und praktizierbar. Nicht durch „Monumente“, wie sie oft angeblich „Großen“ errichtet worden sind und wogegen sich Peter-Paul Zahl konkret mit der „Heidenheimer Fassung“ seines Dramas (1984) richtete. Hier kontrastierte Peter-Paul Zahl den in Heidenheim seit 1961 mit einem Denkmal geehrten Nazi-Generalfeldmarschall Rommel auch auf der Bühne, vor Ort, mit dem Widerstand Johann Georg Elsers. Das „Denkzeichen“ für Johann Georg Elser in der Berliner Wilhelmstraße (vgl. Bild oben links) ist kein Sightseeing-Objekt „To Go“ und bietet keine Kulisse für Selfies. Ähnliches gilt auch für „Johann Georg Elser – Ein deutsches Drama“ …

 

 
 
 
 
 

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AMERICAN SON von Christopher Demos-Brown in einer deutschen Übersetzung.

Frei zur DSE (Die deutsche Übersetzung liegt Anfang Oktober vor.)

Besetzung: Dame 1 | Herren 3

 

Synopsis: Das Stück spielt mitten in der Nacht auf einer Polizeiwache in Florida, wo eine Mutter nach ihrem vermissten jugendlichen Sohn sucht. Bald erscheint ihr Mann und der Abend gerät nach und nach außer Kontrolle.

Kendra und Scott sind kein gewöhnliches Paar. Sie lehrt Psychologie. Er ist FBI-Agent, der seine Marke stets vor sich her trägt. Ihr 18 Jahre alter Sohn Jamal besucht eine renommierte Privatschule und soll in Kürze  an die Militärakademie West Point wechseln. Als motivierendes Abschlussgeschenk hat er schon mal ein eigenes Auto bekommen – genau das Auto, dass ihn in dieser Nacht in Schwierigkeiten bringt. Denn im Moment ist Jamal abgetaucht, nicht zu erreichen und reagiert auf keine Nachrichten seiner Eltern. Auf der Suche nach ihrem Sohn sind die sich entfremdeten Eltern unterschiedlicher Hautfarbe mit ihren früheren Ehedifferenzen konfrontiert, die aus ihrer unterschiedlichen Herkunft und Lebenseinstellung resultieren. 

Verfilmung des Stückes auf Netflix.

Deutschsprachige Erstaufführung: „Willkommen im Hotel Mama“  2023 auf Tournee mit theaterlust_logo

Die Bühnenfassung nach der erfolgreichen französischen Kinokomödie von Héctor Cabello Reyes und Eric Lavaine. (UA 2018 in Paris) geht 2023 auf große Fahrt! Wir freuen uns darüber, dass ein wunderbares Kreativ-Team am Start ist! Sicher wird das Stück wesentlich kompikationsfreier heimisch auf den Bühnen als Stefanie (im Stück) bei ihrer Mutter:

Würden Sie mit vierzig wieder bei ihrer Mutter einziehen? Stefanie bleibt nichts anderes übrig: als arbeitslose Architektin, alleinerziehende Mutter ist sie zunächst bei Mama willkommen. Das Zusammenleben ist allerdings nicht nur harmonisch. Jede der beiden Frauen braucht Geduld um die eingefahrenen Gewohnheiten und Macken der anderen zu ertragen.

Die Mama ist mit 60 erfrischend vital und hat eine Affäre mit ihrem Nachbarn. Sie arrangiert ein Familientreffen um dies ihren Kindern mitzuteilen und anzukündigen, dass die beiden heiraten wollen. Bei dieser Gelegenheit verhält sie sich so unbeholfen, dass ihre Bemühungen von ihren Kindern als Beginn geistiger Verwirrung interpretiert werden. Die Kinder entdecken eine Mutter, die sie bisher nicht kannten.

 

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