Aziz Chouaki (*17.08.1951 Kabylei/Algerien, 16.04.2019 Paris) war ein algerischer Autor und gehört einer neuen, zukunftsorientierten Generation von Schriftstellern an. Von Jugend an ist er Musiker, der arabo-andalusische Klassik mit Jazz verbinden will.
Bis 1991 betrieb er einen Musik-Club in Oran. Studium der englischen Literatur in Algier. Lebt seit 1991 in Frankreich, wo er als Schriftsteller, Theaterautor und Musiker arbeitet. Er ist ein erbitterter Kritiker der Zustände in seinem Heimatland: Machtmissbrauch, Korruption, Fundamentalismus, Perspektivlosigkeit der Jugend. Der Autor besticht durch Sprachgewalt und Ideenreichtum. Man darf ihn zu den kreativsten Autoren der frankophonen Gegenwartsliteratur zählen.
Rachid Boudjedra (*1941) gehört seit den 1970er Jahren zu den prägenden Stimmen post-kolonialer Maghreb-Literaturen. Nach „Die Zerfaserung“ war „Die Auflösung“ der zweite Roman, den der Autor zunächst in arabischer Sprache verfasste – nicht in französischer Sprache, der Sprache einer Kolonialmacht. Boudjedra schreibt mit und zwischen den Sprachen. In Algerien stieß seine Kritik an Patriarchat, fundamentalistischem Islam und Heiligenlegenden algerischer Autonomie zunächst „nur“ auf Ablehnung und brachte ihm Zensur ein, bevor „Prinzip Hass – Pamphlet gegen den Fundamentalismus im Maghreb“ (Éditions Denoël Paris 1992/Verlag Donata Kinzelbach Mainz 1993) lebensgefährlich für ihn wurde.
Die Geschichte kolonialistischer Gewalt, wie sie Frankreich und andere Kolonialmächte nicht zuletzt im Algerienkrieg ab 1954 verübten, ist seinem Werk eingeschrieben. François Mitterrand, in der Bundesrepublik bis heute auf seine Rolle in der französisch-deutschen Versöhnung reduziert, tritt bei Boudjedra (im oben zitierten Manifest) am Festtag Allerheiligen 1954 mit diesen Sätzen in Erscheinung: “Es bedarf gnadenloser Unterdrückung! Meine Herren, Frankreich von Flandern bis zum Kongo!” Die Vollstreckung von Todesurteilen gegenüber algerischen Widerstandskämpfern wäre ohne Mitterand in seiner Rolle als Innen- bzw. Justizminister nicht möglich gewesen. Die Bewunderung Mitterands für Marschall Pétain – und damit die Kollaboration mit den Nationalsozialisten durch das Vichy-Regime – ist bei der Versöhnung zwischen Deutschland und Frankreich in der Kohl-Mitterand-Ära ebenso unter den Tisch gefallen wie seine Rolle im Rahmen des kolonialistischen Mord- und Folter-Regimes in Algerien. Rachid Boudjedras Geschichte/n der Gewalt machen nirgendwo opportunistisch Halt: Neben dem Kolonialismus des Westens sind der islamistische Terror, der Opportunismus von Intellektuellen in Algerien und die westliche Ideologie von Konsumismus und Opportunismus Gegenstände seiner Kritik im Manifest.
Die Algerierin Maïssa Bey (*1950) lebt heute in Sidi Bel Abbès. Sie studierte Romanistik in Algier und war anschließend in der Lehre tätig. Sie hat bewusst ihr Land Algerien nicht verlassen. 2011 erhielt sie den renommierten Preis „Officier des Arts et des Lettres“.
Der Autor Usama Al Shahmani, 2002 zur Flucht aus dem Irak gezwungen, nachdem ein Theaterstück von ihm an der Universität in Basra zur Aufführung gelangt war, hat schlussendlich in der Schweiz Asyl bzw. eine dauerhafte Bleibe gefunden.
In seinem Theaterstück TRANSFER – wie viele Werke des Autors nicht identisch mit jenem Werk aus Basra und gleichwohl nicht ohne Bezug auf dessen Geschichte – wird der wiederholte, behördlich verordnete Aufschub einer „dauerhaften Bleibe“ vor Augen geführt. Die qualvolle Entfernung zum Herkunftsland – und die qualvolle Nähe zur erlittenen Gewalt dort ist in dieser prekären Situation immer akut.
Neben den arabischen Sprachen ist längst die deutsche Usama Al Shahmanis Muttersprache geworden. Diese neue Muttersprache eröffnet Menschen ohne die Sprach- und Lebenserfahrung des Erzähler-Ichs in seinen Werken eine andere „Grammatik“, ein neues Vokabular – und die Sprache vieler Mitbürger*innen fühlt sich nicht länger wie eine „Fremdsprache“ sondern wie die Muttersprache von Mitbürger*innen an. In Szenen eines Alltags in „Mitteleuropa“ wird erfahrbar: Wenn Menschen mit dieser Muttersprache schweigen, ist der Begriff „Trauma“ keine Antwort darauf.
Auch das Schweigen kann Anrede sein. Die Prosa des Autors macht Zeitgeschichte als ebenso persönliche wie artifizielle Chronik der Gewalt erlebbar: Überleben im Irak und auf der Flucht aus dem Irak, die Prozeduren einer Legalisierung dauerhafter „Ankunft“ in Europa, die Angst um Freunde und Angehörige, die im Irak oder auf der Flucht gewaltsam zu Tode kommen könnten.
Mit dem Verschwinden/gewaltsamen Verschwindenlassen und der erzwungenen Spurlosigkeit von Menschen zu leben – diese existentielle Erfahrung zwischen Nahem/Mittlerem Osten und Mitteleuropa zum Ausdruck zu bringen, kann auch Theater zu einer trans- und interkulturellen „Wanderschaft“ motivieren, die sich auf die Suche nach einer anderen Grammatik differenzierter, gemeinsamer Verlusterfahrungen begibt – zwischen Kulturen und Gewaltregimen.
Boris Vian (* 10. März 1920 in Ville-d’Avray; † 23. Juni 1959 in Paris) war ein französischer Schriftsteller. Nach seinem Tod zunächst ein wenig in Vergessenheit geraten, gilt er heute wieder als einer der interessantesten Künstler der französischen Nachkriegszeit.
1946 erschien sein heute bekanntestes Werk, der Roman L’Écume des jours (dt. Der Schaum der Tage), eine surrealistisch verfremdete elegisch-tragische Liebesgeschichte. L’Écume entwickelte sich in den 1960er/1970er Jahren zum Kultbuch einer Generation junger Leser.
Katharina Kummer (geboren 1981 in Nürnberg) ist eine deutsche Regisseurin und Theaterautorin. Nach ihrem Studium der Linguistik an der Humboldt-Universität Berlin diplomierte Katharina Kummer im Fach darstellende Kunst/Puppenspielkunst an der Hochschule für Schauspielkunst Ernst Busch. 2010 bis 2017 war sie Ensemblemitglied des Puppentheaters Halle und im Zuge dessen in einer Kooperation mit der Compagnie DACM auf Welttournee. Als Regisseurin und Autorin inszeniert sie an zahlreichen Bühnen. Ihre eigenen Texte sowie Adaptionen wurden etwa in Berlin, Wien, Halle, Salzburg, Augsburg, Koblenz, Chemnitz, Dresden u. a. uraufgeführt.
In ihren Texten und Inszenierungen entwickelt Katharina Kummer eine Theatersprache, die stark von einem animistischen Weltverständnis und einer eigenen Auslegung ihres Metiers, dem Puppen-, Figuren und Objekttheater geprägt ist. Als Linguistin spielt sie mit drastischen Verschiebungen vertrauter Ordnungsmuster und exponiert das Publikum Erfahrungen, die dessen Begriffswelt und Wahrnehmungsgewohnheiten herausfordern und transformieren. Die vielstimmigen, intertextuellen Collagen kennzeichnet eine Mischung aus sorgfältig recherchierter essayistischer Reflexion und lebendigem Bezug auf Spektakel, Zirkus und Ritual.
Rudolf Thome (* 14. November 1939 in Wallau (Lahn), Hessen) ist ein deutscher Regisseur. Beeinflusst vor allem von der Nouvelle Vague und Howard Hawks entwickelte Thome eine ganz eigene Erzählweise. Vordergründig „einfach und radikal“ zugleich wirken seine Filme „oft schwerelos und leicht“. Im Zentrum seiner Filme spielen Liebesbeziehungen, die auf eine sanft humorvolle Weise erzählt werden. Eine zusätzliche Lebendigkeit erfahren seine späteren Spielfilme durch dialogische Improvisationen.
Mit seinem Spielfilm Rote Sonne (1970) traf er das Lebensgefühl der 1968er-Generation. Rote Sonne ist eine „Hommage an den amerikanischen Gangsterfilm“ als film noir, der jedoch mit „Ironie, Leichtigkeit und Witz“ erzählt wird. Uschi Obermaier, später ein Mitglied von Kommune 1, hatte hier ihren zweiten Filmauftritt nach dem Schauspiel-Debüt in Detektive (1968). Im Laufe der Jahre gewann der Film immer mehr an Anerkennung.
Masha Denisova ist eine russische Dramatikerin, Theatermacherin und Autorin, deren Arbeiten sich häufig mit politischer Realität, weiblicher Identität und dokumentarischer Ästhetik befassen.